Verhalten der Meerschweinchen
Sozialverhalten | Sprache | Verhaltensstörungen | Bissigkeit
Meerschweinchen versteht man nicht über Regeln, sondern über Bedürfnisse. Wer ihnen mehr bietet als Futter und einen sauberen Platz, sieht schnell: Sie sind soziale Tiere mit eigener Dynamik, klaren Vorlieben und feinen Signalen.
Mit aufmerksamem Beobachten, Geduld und dem Wissen auf diesen Seiten kannst du Schritt für Schritt lernen, ihre Körpersprache und Lautäußerungen besser einzuordnen – und im Alltag passend darauf zu reagieren.
- So sind wir
- Soziales und Charakter
- Verhaltensstörungen
- Bissige Meerschweinchen
- Richtiges Tragen
- Lautsprache
- Körpersprache
- Spiel & Popcorn
- Schlafverhalten
- Vertrauenssache/Zutraulichkeit
Wir Meerschweinchen – so sind wir
Ja, wie sind wir eigentlich? Zunächst einmal würde ich sagen: Wir gehören zu den friedlichsten Geschöpfen auf Gottes großer Erde. Wir tun keinem etwas zuleide – außer, ein anderer Bock will uns ein Weibchen streitig machen. Na, da könnt ja jeder kommen! Wir Männer können uns wegen so einer Schönheit schon mal prügeln … äh, beißen. Aber normalerweise beißen wir nur ins Futter. Höchstens, wenn man uns zu sehr ärgert, wird aus dem einen oder anderen von uns auch mal ein Wehrschweinchen.
Wir unterhalten uns übrigens gerne – mit jedem, der uns nicht zu nahe tritt. Was, ihr versteht uns nicht? Dann müsst ihr aber ganz schnell „Meerschweinisch“ lernen! Wir haben eine sehr differenzierte Sprache. Mit jedem unserer Artgenossen sprechen wir ein bisschen anders, und mit euch zweibeinigen Futterspendern sowieso. Doch wir reden nicht nur mit Lauten, sondern auch mit einer komplexen Körpersprache.
Gesellschaft ist (fast) alles
Kein Schwein ist gern allein – wir brauchen immer möglichst viele Meerschweinchenfreunde um uns herum. Wir sind sehr soziale und gesellige Tiere. Nur Böcke untereinander können aneinandergeraten, wenn zu wenig Platz vorhanden ist oder Weibchen in der Nähe sind.
👉 Darum unsere Bitte: Haltet uns niemals in Einzelhaltung!
Auch Kaninchen sind kein Ersatz. Sie sprechen eine ganz andere Sprache, und echte Freunde, die uns verstehen, können nur Artgenossen sein.
Zitat von Alexandra Kestler:
„Ach, mein Hase und mein Meeri kuscheln doch zusammen, also geht das doch super!“Ihr müsst daran denken: Über 90 % aller Meeribabys werden mit Geschwistern geboren. Sie wachsen gemeinsam auf und lernen typisches Meerschweinchenverhalten von ihrer Mutter und dem Rudel. Werden sie später in Einzelhaltung gesteckt, fehlt ihnen diese Gesellschaft.
Stellt euch vor: Ihr werdet von Familie und Freunden getrennt, allein in ein kleines Zimmer gesperrt, und ab und zu kommt ein riesiger „Elefant“, der euch hochhebt und in einer fremden Sprache mit euch spricht. Dann bekommt ihr eine Kuh als Partner – die macht euch zwar nichts, aber sie ersetzt doch keine vertraute Gemeinschaft.
Manche Tiere fügen sich notgedrungen, andere werden krank vor Einsamkeit. Depression, Futterverweigerung oder sogar Selbstverstümmelung können die Folge sein.
Deshalb: Immer mindestens zu zweit halten – besser in einer Gruppe! Nur so fühlen wir uns wirklich wohl.
Unsere Sinne
Wir laufen in der Gruppe gerne im Gänsemarsch – das gibt uns Sicherheit.
Wir erkennen uns am Geruch – unsere Nasen sind sehr fein.
Wir haben sehr empfindliche Ohren und hören Töne, die Menschen nicht mehr wahrnehmen. Laute Geräusche mögen wir gar nicht.
Wir sehen besser zur Seite und nach vorne als Menschen, ohne den Kopf drehen zu müssen. Farben wie Rot, Gelb, Grün und Blau unterscheiden wir. Dafür können wir Entfernungen nicht so gut einschätzen.
Neugier und Vorsicht
So friedlich wir sind, wir sind auch wahnsinnig schreckhaft. Kommt jemand plötzlich von oben oder ohne Vorwarnung, verfallen wir oft in Schreckstarre. Das liegt daran, dass wir ständig auf Fressfeinde achten müssen: große Vögel, Katzen, Marder … Darum brauchen wir viele Verstecke im Gehege. Wenn wir merken, dass keine Gefahr droht, sind wir sofort wieder neugierig.
Unser Alltag
Wir brauchen viel Heu und fressen bis zu 100-mal am Tag – unser Verdauungssystem verlangt nach stetigem Nachschub.
Wir sind sehr reinlich und putzen uns regelmäßig. Nur die Langhaartypen unter uns brauchen etwas Hilfe von Menschen.
Dass wir unseren Blinddarmkot fressen, ist kein „ekliger Tick“, sondern lebensnotwendig. Darin stecken wichtige Bakterien und Nährstoffe – sozusagen unser Joghurt für die Darmgesundheit.
Wir sind klug, mögen Abwechslung und lernen auch kleine Kunststückchen.
„Verfressen“ sind wir nicht – wir sind Feinschmecker!
Umgang mit uns
Wir mögen unsere „Gurkengeber“ schon sehr, aber wir wollen nicht wie Kuscheltiere behandelt werden. Wir sind keine Spielpartner für Kinder. Hochheben und Rumtragen stresst uns, und wir zeigen deutlich, wenn wir nicht angefasst werden wollen – zum Beispiel, indem wir den Kopf hochschlagen. Bitte respektiert das!
Sportlich, aber keine Athleten
Wir hüpfen gerne mal auf unsere Häuschen, rennen durch Tunnel und flitzen blitzschnell los, wenn uns etwas aufschreckt. Hochleistungssport machen wir nicht – aber unterschätzen sollte man uns trotzdem nicht.
So, das war’s fürs Erste, was es über uns zu erzählen gibt. Wenn mir noch was einfällt, sag ich’s euch.
Euer Moppel Surprise 🐹
Meerschweinchen sind tatsächlich „Charakterschweinchen“: Ein Teil ist Veranlagung, viel entsteht durch Erfahrungen, Gruppenkonstellation und Haltung. Verhalten kann sich mit Geduld verbessern – der Grundcharakter bleibt aber.
Zusammenfassung
Meerschweinchen zeigen sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und Verhaltensmuster. Diese sind teils angeboren, teils erlernt und werden stark durch Haltung, Stresslevel, Gruppenzusammenstellung und Umgang beeinflusst. Ziel ist nicht „Umerziehen“, sondern Verstehen, passende Rahmenbedingungen und stressarme Lösungen.
Aggressives Verhalten („Agroschweinchen“) ist in der Regel ein Warnsignal und entsteht meist durch Ursachen wie Schmerzen, schlechtes Handling, zu wenig Platz oder ungünstige Gruppenkonstellationen. Hier gehört immer Ursachenforschung dazu – bei Verdacht auf Schmerzen unbedingt tierärztlich abklären.
Ängstliche Tiere („Angstschweinchen“) sind bei Fluchttieren normal. Vertrauen kann durch Ruhe, Routine und positive Verknüpfung wachsen, manche Tiere bleiben aber dauerhaft vorsichtiger – besonders nach negativen Erfahrungen.
Dominante Tiere („Domina/Domino“) sind nicht automatisch aggressiv. Sie setzen sich durch, prägen die Rangordnung und können Leittiere sein. Probleme entstehen vor allem, wenn zwei ähnlich dominante Tiere aufeinandertreffen (bei Böcken oft heftiger als bei Weibchen).
Manche Tiere wirken wie „Einzelgänger“ oder „irgendwie anders“: Sie ziehen sich zurück, kommunizieren wenig oder geraten in Mobbing-Dynamiken. Ursachen können Sinneseinschränkungen, mangelnde Sozialisierung oder individuelle Besonderheiten sein. Einzelhaltung ist höchstens eine seltene Ausnahme (z. B. sehr alte Tiere), nicht die Regel.
Freche und neugierige Tiere sind oft schnell am Futter und bei Neuem vorne dabei. Sie eignen sich häufig als „Mutmacher“ für schüchterne Tiere, ohne zwingend stark dominant zu sein.
Schüchterne Tiere brauchen Zeit und Sicherheit. Mit passender Umgebung und einem ruhigen, mutigen Partner gewinnen sie häufig an Vertrauen. Schüchternheit ist kein Fehler, sondern Persönlichkeit.
Rangordnung ist in jeder Gruppe normal. Leittiere sind nicht zwingend die stärksten, sondern oft sozial kompetent und durchsetzungsfähig. Rangordnungskämpfe sollten möglichst nicht durch Menschen gestört werden, weil Eingreifen die Dynamik verschlimmern und Bisse provozieren kann.
„Kuscheln“ im menschlichen Sinn ist untypisch. Nähe entsteht eher aus Sicherheit, Wärme oder Schutzbedürfnis (zusammen liegen, „Haufen“). Manche Tiere genießen Streicheln oder Kraulen, aber das hängt stark von Charakter, Gewöhnung und positiver Erfahrung ab.
Verhaltensstörungen bei Meerschweinchen
Auffälliges Verhalten entsteht bei Meerschweinchen selten „einfach so“. Meist steckt Stress, Unsicherheit, falsche Rahmenbedingungen oder ein körperliches Problem dahinter. Typische Auslöser sind:
Falsches Handling
Ruckartiges Greifen, unsicheres Hochheben oder Festhalten kann Angst auslösen. Ein Meerschweinchen, das sich in der Hand nicht sicher fühlt, reagiert oft mit heftigem Zappeln, Abwehr (auch Beißen) oder schrillen Angstlauten. Für ein Fluchttier ist das eine normale Schutzreaktion.
Zu frühe Trennung von Mutter und Familie
Werden Jungtiere sehr früh herausgenommen und fehlt ein erwachsenes Tier, das „soziale Regeln“ vermittelt, kann sich das später in unpassendem Sozialverhalten zeigen. Es fehlen dann wichtige Lernphasen für Kommunikation, Distanzverhalten und Konfliktlösung.
Einzelhaltung
Dauerhafte Einzelhaltung ist einer der häufigsten Gründe für langfristige Verhaltensprobleme. Tiere, die nie mit Artgenossen gelebt haben, kennen die „Sprache“ der Meerschweinchen nicht oder haben sie verlernt. Eine spätere Vergesellschaftung kann dadurch deutlich schwieriger werden, weil Unsicherheit, Fehlkommunikation und Stress steigen.
Behinderungen oder neurologische Besonderheiten
Auch bei Meerschweinchen gibt es Tiere mit Einschränkungen, die Verhalten und Kommunikation verändern können. Das kann sich durch „andersartige“ Reaktionen, erhöhte Reizbarkeit, Rückzug oder Konflikte mit Artgenossen zeigen.
Taubblinde Tiere
Wenn Hören und Sehen gleichzeitig eingeschränkt sind, fehlen wichtige Kommunikationskanäle. Dadurch kommt es leichter zu Missverständnissen, Schreckreaktionen oder dazu, dass das Tier im Gruppengefüge schlechter Anschluss findet.
Zu wenig Platz oder Überbesatz
Viele Tiere auf engem Raum bedeutet dauerhaften Druck: zu wenig Ausweichmöglichkeiten, ständige Nähe, mehr Reibung an Futterstellen und Rückzugsorten. Das führt schnell zu Konflikten und chronischem Stress.
Ungünstige Gruppenzusammenstellung
Nicht jede Kombination passt. Sehr dominante Tiere, große Alters-/Temperamentsunterschiede oder eine ungünstige Geschlechterkonstellation können zu Dauerstress und wiederkehrenden Auseinandersetzungen führen.
Krankheit oder Schmerzen
Schmerzen verändern Verhalten oft massiv. Ein sonst ruhiges Tier kann plötzlich aggressiv wirken, sich zurückziehen, Berührungen vermeiden oder „zickig“ reagieren. Deshalb gilt: Wenn Verhalten sich plötzlich ändert, gehört immer auch die Gesundheit überprüft.
Hinweis
Bei auffälligem Verhalten lohnt sich ein systematischer Blick: Haltung (Platz/Struktur), Gruppe (Konstellation), Umgang (Handling) und Gesundheit. Bei Verdacht auf Schmerzen oder Krankheit sollte immer tierärztlich abgeklärt werden, idealerweise bei einer Praxis mit Erfahrung mit Kleinnagern.
Bissigkeit bei Meerschweinchen
Meerschweinchen mit Biss
Beissen Meerschweinchen oder können sie bissig werden?
Grundsätzlich sollte man wissen: Beißen und Zwicken gehören innerhalb einer Meerschweinchengruppe zum normalen Verhalten. Solange es sich nur um kurze Signale wie „Lass mich in Ruhe!“ oder „Verschwinde von hier!“ handelt, besteht kein Grund zur Sorge.
Solche kleinen „Zickereien“ sind auch unter Weibchen an der Tagesordnung und meistens völlig harmlos – solange nicht versehentlich ein Ohr eingerissen oder ein Auge verletzt wird. In der Regel schützt das dichte Fell die Haut, und kleinere Kratzer oder oberflächliche Wunden verheilen schnell.
Anders sieht es bei ernsthaften Kämpfen unter Böcken aus. Hier kann es schnell zu massiven Verletzungen kommen. Solche Auseinandersetzungen entstehen besonders in reinen Bockgruppen, wenn ein unverträglicher Bock dabei ist. In diesen Fällen ist ein Eingreifen nötig, um Schlimmeres zu verhindern. Oft müssen die Tiere getrennt und anschließend einem Tierarzt vorgestellt werden.
In freier Natur regelt sich ein solcher Kampf meist durch die Flucht des Unterlegenen. Im Käfig oder Gehege fehlt jedoch die Möglichkeit auszuweichen.
⚠️ Wichtig: Niemals ohne dicke Lederhandschuhe dazwischengehen! In der Hitze des Gefechts kennen die Kämpfer keinen Unterschied zwischen Menschenhand und Gegner.
Ein dokumentierter Fall: Einer Besitzerin wurde bei solch einem Eingriff der Nerv im Finger durchgebissen – mit bleibendem Schaden.
Wie entsteht Bissigkeit bei Meerschweinchen?
Dauerhafte Bissigkeit gilt als Verhaltensstörung. Häufige Ursachen:
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Einzelhaltung: Ein Meerschweinchen ohne Artgenossen sucht Ersatzkontakte – oft beim Menschen oder bei artfremden Tieren wie Kaninchen. Es zeigt dann meerschweinchentypisches Verhalten gegenüber dem „falschen Partner“. Abhilfe schafft die Vergesellschaftung mit einem Artgenossen sowie gezieltes Verhaltenstraining.
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Falscher Umgang: Wird ein Meerschweinchen falsch hochgenommen oder gegen seinen Willen festgehalten, fühlt es sich bedroht. Selbst das friedlichste Tier kann dann zubeißen, um sich zu befreien. Lässt man es sofort los, hat es „Erfolg“ und wird dieses Verhalten wiederholen.
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Jungtiere und Knabberversuche: Junge Meerschweinchen knabbern gerne an Fingern – vermutlich aus Neugier. Anfangs finden Menschen das putzig, bis es ernst wird und das Tier einmal kräftig zubeißt.
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Unklare Ursachen: Manche Tiere wirken ohne erkennbare Gründe bissig. Hier helfen nur Geduld, ein ruhiger Umgang und Training.
Werden Meerschweinchen auch Menschen gegenüber bissig?
In der Regel sind Meerschweinchen friedliche Tiere. Aber: Falsches Handling, Stress oder Missverständnisse können dazu führen, dass sie auch Menschen beißen. Dabei ist nicht das gierige Verwechseln von Finger und Gurke gemeint – das passiert schon mal, ist aber kein aggressives Verhalten.
Erste Hilfe bei Bissverletzungen
Wenn die Haut mehr als oberflächlich verletzt wurde, gilt:
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Wunde gut ausbluten lassen und mit klarem, kaltem Wasser spülen
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Gründlich desinfizieren (z. B. mit Braunol oder Betaisodona)
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Antiseptische Salbe auftragen, sterilen Verband anlegen
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Unbedingt ärztliche Abklärung! Auch kleine Wunden können sich massiv entzünden. Am Wochenende oder nachts direkt in die Notaufnahme.
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Den Anweisungen des Arztes folgen, auch wenn ein Antibiotikum verordnet wird.
Warum ist das so wichtig?
Tierbisse können gefährliche Infektionen verursachen – auch durch Bakterien, die auf der Mundschleimhaut von Meerschweinchen völlig normal vorkommen. Werden diese nicht rechtzeitig behandelt, drohen schwere Entzündungen, dauerhafte Nervenschäden oder im schlimmsten Fall Blutvergiftungen.
Ein Erfahrungsbericht:
Beim Kämmen eines Langhaarmeerschweinchens ignorierte die Besitzerin die Warnsignale (Zähneklappern). Das Tier biss zu. Sie behandelte die Wunde zunächst selbst – ging aber nicht sofort zum Arzt. Innerhalb weniger Stunden schwoll die Hand stark an, es kam zu massiven Schmerzen und einer schweren Infektion, die chirurgisch behandelt werden musste.

👉 Die Moral: Warnsignale ernst nehmen und bei Bissverletzungen IMMER sofort ärztliche Hilfe suchen.
Richtiges Halten
Wie halte und trage ich ein Meerschweinchen richtig?
Vertrauen zwischen Mensch und Meerschweinchen
Wenn man erreichen möchte, dass ein Meerschweinchen Vertrauen gewinnt, muss man ihm Sicherheit geben.
Da Meerschweinchen Fluchttiere sind, haben sie zunächst Angst vor allem, was sich bewegt und ihnen zu nahekommt. Diese Angst legen sie erst ab, wenn sie bestimmte Dinge kennenlernen und verstehen, dass keine Gefahr besteht.
Bestimmte Grundängste bleiben jedoch – sie sind tief verankert. Dazu gehört zum Beispiel die Angst vor Raubvögeln. Alles, was sich von oben nähert, bedeutet für ein Meerschweinchen Gefahr. Deshalb sollte man ein Tier niemals von oben greifen – das löst sofort Panik aus. Nähern Sie sich stattdessen langsam von vorn oder von der Seite und sprechen Sie ruhig mit dem Tier.
Richtiges Hochnehmen
Wenn Sie Ihr Meerschweinchen hochheben möchten, benutzen Sie immer beide Hände.
Meerschweinchen mögen es nicht, „durch die Luft zu schweben“ – für sie fühlt es sich so an, als würde ein Greifvogel sie packen.
❌ Tabu: Niemals im Genick packen! Das verursacht Schmerzen und Zerrungen. Außerdem tragen Meerschweinchenmütter ihre Jungen auch nicht im Maul – sie sind Nestflüchter und können von der ersten Minute an selbst laufen.
✅ So geht’s richtig:
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eine Hand unter den Vorderbeinchen am Brustkorb
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die andere stützt das Hinterteil (dieses sollte nie höher sein als der Kopf)
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das Tier sicher, aber nicht zu fest halten
Meerschweinchen können schnell in Panik geraten und vom Arm springen – Verletzungsgefahr!
Kinder und Meerschweinchen
Wenn kleinere Kinder im Haushalt sind, sollte das Hochnehmen immer von Erwachsenen übernommen werden. Eltern sind gefordert, ihre Kinder richtig anzuleiten – zum Schutz der Tiere.
Vertrauen aufbauen
Anfangs wird das Schweinchen vielleicht Angst haben. Diese verliert es, wenn es merkt: Ruhiges Verhalten wird belohnt – z. B. mit einem Leckerbissen wie Gurke oder Löwenzahn.
Auch beim Absetzen ist Vorsicht geboten, damit es nicht von der Hand springt. Gerade zu Beginn wollen die meisten Tiere so schnell wie möglich zurück in ihr Häuschen.
Am besten setzen Sie sich beim Streicheln ruhig hin und nehmen das Schweinchen auf den Schoß – ein dick gefaltetes Handtuch darunter schützt Kleidung und Tier. Bleiben Sie stets aufmerksam, falls es plötzlich losflitzen möchte.
Mit der Zeit wird es Vertrauen fassen. Irgendwann können Sie entspannt mit dem Meerschweinchen auf dem Schoß fernsehen – und wenn Sie merken, dass es nach einer Weile selbst eingeschlafen ist, dann wissen Sie: Ihr Schweinchen vertraut Ihnen wirklich. 🐹💚


Meerschweinisch-Menschlich
Menschlich-Meerschweinisch
Do you speak meerschweinisch???
Meerschweinchen haben eine sehr komplexe Laut- und Körpersprache. Sie "reden" nicht nur gerne und viel, sondern tatsächlich sehr differenziert.
Quieken, Murmeln, Glucksen, Zwitschern, Gurren, und das auch noch in verschiedenen Tonlagen. Das zu beobachten ist höchst interessant und nach einiger Zeit kann man die Laute vielleicht auch richtig interpretieren.
Lautsprache der Meerschweinchen
| Laut | Bedeutung |
|---|---|
| Fiepen / Quieken | Betteln nach Futter, Aufmerksamkeit oder Kontaktaufnahme |
| Lautes Quieken / Kreischen | Angst, Schmerz oder Schreck |
| Brommseln (tiefer Brummton) | Balzruf, Dominanz, Imponiergehabe |
| Zwitschern (selten, vogelähnlich) | Warnung bei Gefahr, großer Stress |
| Murren, ungehaltenes Quieken | Unzufriedenheit, Warnung, genervt |
| Zähneklappern | Drohung, „Geh weg!“ |
| Brummen (sanft, leise) | Wohlbefinden, oft beim Streicheln |
| Leises Fiepen (untereinander) | Kontaktlaute in der Gruppe |
| Pfeifen (langgezogen, schrill) | Futterruf („He, da kommt was Leckeres!“) |
| Quasseln / Murmeln | Zufriedenheit, „leises Erzählen“ beim Herumstreifen |
Die Körpersprache
Meerschweinchen sind hochsoziale Tiere und die Körpersprache spielt neben der Lautsprache in den Meerschweinchenrudeln eine wichtige Rolle. Es ist für uns Menschen sicher nicht immer einfach aus der Körpersprache seiner Meerschweinchen zu lesen, aber wenn man sie aufmerksam beobachtet, wird man nach einiger Zeit durchaus verstehen, was sie mit der jeweiligen Körperhaltung ausdrücken.
Körpersprache der Meerschweinchen
| Verhalten | Bedeutung |
|---|---|
| Zähneklappern | Warnung, Unzufriedenheit, Drohgebärde |
| Brommseln (tiefer Brummton, wackelndes Hinterteil) | Imponiergehabe, Balzverhalten oder Dominanz zeigen |
| Kopf hochwerfen | Dominanz, „Geh mir aus dem Weg“ |
| Aufreiten (auch gleichgeschlechtlich) | Dominanzgeste, manchmal auch Paarungsverhalten |
| Sich groß machen (aufstellen, aufplustern) | Drohung, Respekt einfordern |
| Treten mit den Hinterbeinen | Abwehr, genervt |
| Abwenden | Unterordnung, „Ich will keinen Streit“ |
| Weglaufen | Unterordnung oder Fluchtreaktion |
| Gähnen (übertrieben) | Unterordnungs- oder Drohgebärde, je nach Kontext |
| Kuscheln / eng nebeneinander sitzen | Wohlbefinden, Vertrauen |
Spielen Meerschweinchen eigentlich? Und was hat das mit Popcorn zu tun?
„Spielen“ im menschlichen Sinn sieht man bei Meerschweinchen eher selten. Dinge, die als klassisches Spielzeug verkauft werden, bleiben deshalb häufig links liegen. Viele Meerschweinchen interessiert ein Ball oder eine Rassel schlicht nicht – sie beschäftigen sich anders.
Trotzdem wirken sie nicht langweilig oder „spaßfrei“. Man sieht oft kleine Szenen, die eindeutig nach Genuss aussehen: Zwei Tiere sitzen nebeneinander am Futter, knabbern am selben Halm, sortieren sich um und bleiben dabei erstaunlich lange zusammen an genau dieser einen Leckerei. Das ist kein Spiel wie bei einem Hund, aber ein typisches „Meeri-Ding“.
Jungtiere: mehr Tempo, mehr Übermut
Bei jungen Meerschweinchen gibt es Verhaltensweisen, die dem Spiel deutlich näherkommen. Sie sind oft voller Energie, rennen plötzlich los, jagen sich kurz oder hüpfen durch das Gehege, ohne dass ein äußerer Auslöser erkennbar ist.
In diese Phase fällt häufig das sogenannte Popcornen: Das Tier macht ruckartige, spontane Sprünge, manchmal wie ein kleiner „Hüpfer aus dem Nichts“. Oft sieht es so aus, als würde es gleichzeitig hochschnellen und sich dabei kurz verdrehen. Das passiert besonders bei Jungtieren oder in Momenten, in denen sie sich sehr wohlfühlen und überschüssige Energie loswerden.
Auch „Üben“ gehört dazu: Junge Tiere testen Grenzen, probieren Rangordnungsgesten aus und lernen dabei, wie soziale Regeln in der Gruppe funktionieren. Das kann wie Raufen wirken, bleibt aber in vielen Fällen ritualisiert und kurz.
Wenn sie nicht spielen: womit beschäftigen sie sich?
Meerschweinchen brauchen Beschäftigung – aber eher in Form von Futter, Struktur und Bewegung als in Form von Spielzeug. Bewährt haben sich zum Beispiel:
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frische Zweige als Nagematerial (geeignete Arten vorausgesetzt)
-
Futter so anbieten, dass man sich ein bisschen „erarbeiten“ muss, zum Beispiel über Spieße, hängende Bündel oder Heu-Varianten in Haltern
-
sanftes Training über Futterbelohnung (wenn das Tier mitmacht), z. B. einfache Targets oder kurze Mini-Aufgaben
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Tunnel, Röhren und Durchgänge zum Flitzen, Ausweichen und Verstecken
-
ein großzügiges, abwechslungsreich eingerichtetes Gehege, das erkundet werden kann
-
kleine Veränderungen beim Reinigen (zum Beispiel Wege, Häuschen oder Tunnel etwas anders platzieren), damit es wieder „neu“ zu entdecken gibt
Wichtig ist dabei immer: Beschäftigung darf nicht stressen. Am besten funktionieren Angebote, die dem natürlichen Verhalten entsprechen – fressen, suchen, laufen, nagen, verstecken, beobachten.
Wie viel Schlaf brauchen Meerschweinchen?
Nickerchen im Schichtdienst
Meerschweinchen sind zwar überwiegend tagaktiv, haben ihre Hauptaktivität jedoch in den Dämmerungsstunden am Morgen sowie am späten Nachmittag. Dazwischen – ebenso wie in der Nacht – wechseln sich Ruhe-, Schlaf- und Wachphasen ab.
In den Ruhephasen dösen sie meist nur vor sich hin, reagieren aber blitzschnell, wenn sie aufgeschreckt werden. Wenn sie tatsächlich schlafen, dann richtig tief. Besonders ältere Tiere, die möglicherweise nicht mehr so gut hören, können in einen sehr festen Schlaf fallen – manchmal so tief, dass es für den Menschen fast erschreckend wirkt. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sie sich in ihrem Gehege absolut sicher fühlen.
Zum Schlafen legen sie sich gerne unter einen Unterstand oder in ein Häuschen. Dort fühlen sie sich geschützt.
Wichtig: Schlafende Meerschweinchen sollten nicht gestört werden – das würde Stress verursachen!
Freunde fürs Leben?
Wie werden Meerschweinchen zutraulich? Vertrauen ist die Basis!
Wenn wir einen neuen Menschen kennenlernen, spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, bevor wir ihn in unser Leben lassen und uns vielleicht sogar dafür entscheiden, ihn als Freund zu akzeptieren.
So verhält es sich auch mit unseren tierischen Partnern und Freunden. Es reicht nicht, wenn „die Chemie stimmt“. Vertrauen – und damit die Basis einer guten Freundschaft – muss man sich erarbeiten. Egal ob Hund, Katze, Maus oder Meerschweinchen: Vertrauen aufzubauen ist das A und O! Dazu muss man die Grundeigenschaften der Tierart kennen und respektieren.
Meerschweinchen sind Fluchttiere. Mit ihren ausgeprägten Fluchtinstinkten werden alle Meerschweinchen geboren.
Wenn wir also Meerschweinchen zu uns holen, haben sie in der Regel zunächst Ängste – unabhängig davon, welche Charaktereigenschaften sie sonst noch mitbringen.
Der Transport, die neue Umgebung, bei Jungtieren die Trennung von der Mutter oder der Familie, eventuell ein neues Rudel: All das bedeutet Stress. Sie brauchen vor allem eines – Zeit. Zeit, um sich zurechtzufinden, das neue Rudel kennenzulernen und sich in die Gruppe einzuordnen. Zeit, um sich zu akklimatisieren – ein nicht zu unterschätzender Faktor. Diese Zeit muss man ihnen unbedingt geben, bevor man überhaupt damit beginnen kann, Vertrauen aufzubauen.
Mit Zwang erreicht man gar nichts – im Gegenteil! Einfaches Einfangen und Herausnehmen aus dem Gehege bewirkt nur das Gegenteil. Wovor haben Meerschweinchen in der Natur am meisten Angst? Vor Fressfeinden! Wenn Hände schnell von oben nach dem Tier greifen, empfindet es das instinktiv als Angriff – und ergreift panisch die Flucht.
Schritt 1: Geduld, Ruhe und Futter
Liebe geht durch den Meerschweinchenmagen! Wer Vertrauen aufbauen will, muss den Tieren zeigen, dass von der Hand keine Gefahr ausgeht.
Am besten setzt man sich ruhig vor oder – wenn möglich – direkt ins Gehege, hält ein besonders beliebtes Futter (z. B. Gurke, Gras, Löwenzahn, Salat) in der Hand, verhält sich still und wartet.
Nicht enttäuscht sein, wenn es nicht gleich klappt. Es kann Tage oder sogar Wochen dauern, bis die Tiere vorsichtig aus ihrem Versteck kommen und sich annähern. Wichtig: keine hektischen Bewegungen! Einfach ruhig sitzen bleiben und fressen lassen.
Wenn die Meerschweinchen irgendwann freudig quiekend aus ihrem Versteck kommen, sobald man sich dem Gehege nähert, ist das Eis gebrochen.
Schritt 2: Erste Annäherung
Wenn die Tiere bereits vertrauensvoll zum Futter in der Hand kommen, kann man einen Schritt weitergehen: Sie vorsichtig aus dem Gehege nehmen und auf den Schoß setzen – immer in Verbindung mit Futter, damit die Situation positiv verknüpft wird.
Schritt 3: Die Hand als Vertrauensbasis
Die flache Hand mit der Innenfläche nach oben ins Gehege legen. Mit Lieblingsfutter locken. Sobald das Meerschweinchen auf die Hand klettert, die Hand ein klein wenig anheben. Erst nur minimal, dann etwas mehr. Natürlich immer belohnen.
Tägliches Wiederholen festigt das Vertrauen – bis das Tier irgendwann freiwillig auf die Hand springt.
⚠️ Bitte bedenken: Dies funktioniert nur mit charakterfesten, nicht traumatisierten Tieren. Meerschweinchen aus unklarer Herkunft (z. B. Zooläden), schlechter Haltung (Animal Hoarding) oder mit Misshandlungserfahrungen sind oft nicht mehr in der Lage, ihre Ängste vollständig zu überwinden.
In solchen Fällen ist – wie in Schritt 1 beschrieben – das Fressen aus der Hand bereits ein großer Vertrauensbeweis und meist das höchste erreichbare Ziel.
Autorin: Eva-Maria Ganslmeier | letzte Änderung am 23.02.26 | alle Rechte vorbehalten
